Erholung, aber kein Aufschwung

Konjunkturbericht Herbst 2026 der IHK Südthüringen für Thüringen

 

Während die deutsche Wirtschaft seit fünf Quartalen leicht wächst, ein selbsttragender Aufschwung aber weiterhin ausbleibt, erholt sich auch die Thüringer Wirtschaft nur langsam von der längsten Krise seit der Wiedervereinigung. Lediglich vereinzelte Wirtschaftszweige sind in den Wachstumsmodus zurückgekehrt. Sorge bereitet die geringe Investitionsneigung. Für einen tragfähigen Aufschwung müssen die Unternehmen wieder stärker über den Erhalt bestehender Anlagen hinaus investieren. Dafür müssen sich neue Vorhaben am Standort wirtschaftlich rechnen. Dies zeigt der Konjunkturbericht Herbst 2026 für Thüringen, den die Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen aus den Umfrageergebnissen der drei Thüringer IHKs ermittelt hat.

Der Konjunkturklimaindikator erreicht 82,1 Punkte. Dies sind sieben Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und zwei Punkte mehr als vor einem Jahr. Der Indikator ergibt sich als geometrischer Mittelwert aus den Lage- und Erwartungseinschätzungen der Unternehmen. Er kann bis zu 200 Punkte erreichen. Oberhalb von 100 Punkten überwiegen die positiven Lage- und Erwartungseinschätzungen. In den letzten zehn Jahren wurden infolge erheblicher Schwierigkeiten seit 2020 im Durchschnitt 98,5 Punkte erreicht.

Es gibt jedoch vereinzelt Lichtblicke. In der Industrie erreichen die Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen 109,9 Punkte, zwölf Punkte mehr als vor einem Jahr. Im Dienstleistungsbereich erreicht der Indikator im Grundstücks- und Wohnungswesen 109,2 Punkte, ein Zuwachs um 45 Punkte. Die Verwaltung und Führung von Unternehmen und Betrieben sowie die Unternehmensberatung kommt auf 110,7 Punkte, 29 Punkte mehr als vor einem Jahr. Die Architektur- und Ingenieurbüros erreichen mit 115,2 Punkten den Spitzenwert und neun Punkte mehr als ein Jahr zuvor.

Branchenübergreifend bewerten derzeit 25 Prozent der Unternehmen die Lage als gut, 43 Prozent als saisonüblich bzw. befriedigend und 31 Prozent als schlecht. Innerhalb des letzten Jahres hat sich die Ertragslage für 13 Prozent verbessert, blieb für 44 Prozent unverändert und verschlechterte sich für 43 Prozent.

In den kommenden Monaten rechnen elf Prozent der Unternehmen mit besseren Geschäften, 51 Prozent erwarten keine Veränderung und 38 Prozent weitere Beeinträchtigungen der Wirtschaftstätigkeit. 64 Prozent planen Investitionen, darunter 13 Prozent mit steigendem Volumen. Neben Ersatzbeschaffungen planen jeweils 18 Prozent Investitionen in neue Dienstleistungen, Verfahren und Produkte beziehungsweise in kostensenkende Maßnahmen. Elf Prozent wollen ihre Kapazitäten ausweiten. Auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich ein weiterer Stellenrückgang ab. Neben der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung wirken sich demografische Veränderungen auf die Beschäftigungspläne aus.

„Einzelne Erholungssignale können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Thüringer Wirtschaft insgesamt kaum vorankommt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Stimmung nur geringfügig verbessert. Für einen selbsttragenden Aufschwung fehlt es weiterhin an Zuversicht und damit der Bereitschaft, neue Investitionen zu wagen. Eine Belebung in benachbarten Bundesländern kann zwar zusätzliche Nachfrage bringen, die notwendigen Verbesserungen am eigenen Standort aber nicht ersetzen. Hohe Kosten und immer weitere staatliche Vorgaben hemmen die wirtschaftliche Entwicklung im gesamten Bundesgebiet. Dass sich manche Regionen dennoch günstiger entwickeln, ist auch ihrer jeweiligen Wirtschaftsstruktur geschuldet“, sagt Jan Scheftlein, stellv. Hauptgeschäftsführer und Abteilungsleiter Standortpolitik der IHK Südthüringen. 

Hauptrisiken für die wirtschaftliche Entwicklung bilden die Energiepreise und die Bürokratielasten mit jeweils 69 Prozent der Unternehmensantworten. 56 Prozent nennen die Inlandsnachfrage und 51 Prozent die Rohstoffpreise.

„An Entlastungsversprechen fehlt es weder der Bundesregierung noch der Europäischen Kommission. Entscheidend ist, was davon in den Betrieben ankommt. Wer Entlastungen ins Schaufenster stellt und zugleich durch neue Vorgaben und höhere Abgaben die Belastung insgesamt weiter erhöht, verspielt weiter Vertrauen und verhindert Investitionen. Eine Kursänderung muss die Energiepreise senken und die Standortkosten insgesamt erheblich reduzieren. Dazu gehört, dass bürokratische Pflichten tatsächlich entfallen. Zusätzliche politisch verursachte Arbeitskosten verschärfen die Lage weiter. An Erkenntnis über den notwendigen Handlungsbedarf fehlt es zumindest in den Unternehmen nicht“, betont Jan Scheftlein.

 

Blick in die Branchen

In der Industrie erreicht der Konjunkturklimaindikator 89,1 Punkte, acht Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und 13 Punkte mehr als vor einem Jahr. Vor allem die Geschäftslage hat sich verbessert. Inzwischen arbeiten 23 Prozent der Unternehmen in Vollauslastung, 46 Prozent erreichen immerhin die Normalauslastung von mindestens 80 Prozent. 26 Prozent berichten von gestiegenen Aufträgen, doch 38 Prozent von Auftragsverlusten. Für 15 Prozent ist der Auftragsbestand derzeit groß, für 41 Prozent ausreichend und für 44 Prozent zu klein. Hierbei entwickelt sich das Geschäft auf dem Heimatmarkt besser als der Export. Ein Drittel der Unternehmen erhält keine Auslandsaufträge. In den kommenden Monaten rechnen 17 Prozent mit besseren und 29 Prozent mit schlechteren Geschäften. Drei von vier Betrieben planen Investitionen. Im Personalbereich rechnen zwölf Prozent mit Neueinstellungen, während 19 Prozent Abgänge erwarten.

Im Handel gibt es lediglich für den Großhandel Grund zu verhaltenem Optimismus. Zieht die Konjunktur in Teilen der Wirtschaft an, wächst das Geschäft mit Unternehmenskunden. Die starken Preissteigerungen schränken hingegen die Kaufkraft der Verbraucher ein und dämpfen die Konsumneigung. Der Konjunkturklimaindikator für den Handel erreicht 56,2 Punkte, fünf Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und 0,6 Punkte weniger als vor einem Jahr. Während sich die Geschäftslage weiter verschlechtert hat, fallen die Erwartungen etwas weniger pessimistisch aus. Allerdings geht nach wie vor jeder zweite Händler von einer Verschlechterung aus. Bereits im laufenden Jahr hat sich für 56 Prozent die Ertragslage verschlechtert. Daher planen nur 46 Prozent für nächstes Jahr Investitionen. Im Personalbereich ist mit einem weiteren Beschäftigungsrückgang zu rechnen.

Krisenhaft ist die Situation auch im Baugewerbe. Die Investitionszurückhaltung führt zu einer zu geringen Zahl an Gewerbeneubauten. Auch im Wohnungsbau ist die Zurückhaltung stark verbreitet. Im öffentlichen Bau fehlen noch die Impulse aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen. Damit daraus zusätzliche Bauleistungen entstehen können, braucht es zügige Planungs- und Vergabeverfahren. Für eine dauerhafte Erholung müssen zugleich private Bauinvestitionen wieder wirtschaftlich tragfähig werden. Hinzu kommen ausgeprägte Fachkräfteengpässe. Der Konjunkturklimaindikator erreicht 58,5 Punkte, sieben Punkte weniger als im Frühsommer 2026 und 13 Punkte weniger als vor einem Jahr. Die Geschäftslage war zuletzt vor 21 Jahren so schlecht wie heute. Im Erwartungsbereich ist keine Besserung in Sicht.

Im Verkehrsgewerbe erreicht der Konjunkturklimaindikator 66,6 Punkte, 26 Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und fünf Punkte mehr als vor einem Jahr. Die Befragung wurde vor Verkündung des Tankrabatts durchgeführt. Branchenverbände berichten von einer Konsolidierung infolge eines zunehmenden Fahrermangels. Die dadurch begrenzten Transportkapazitäten verbessern teilweise die wirtschaftliche Lage der weiterhin am Markt tätigen Unternehmen. Der Fahrermangel schränkt jedoch zugleich die Leistungsfähigkeit der Branche ein und kann eine wirtschaftliche Erholung behindern. Solange die Industrie schwächelt, fehlt auch dem Verkehrsgewerbe eine wesentliche Voraussetzung für die Trendwende.

Thüringenurlauber schätzen den Herbst. Nicht selten fällt dann der Konjunkturklimaindikator im Gastgewerbe etwas besser aus. Aktuell sind es 82,5 Punkte, neun Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und zwei Punkte weniger als vor einem Jahr. Die Höhe des Indikators beruht auf einer sehr guten Lageeinschätzung vor allem in Nord-, Mittel- und Ostthüringen. Jedes zweite Unternehmen betrachtet die aktuellen Werte als Zwischenhoch und geht in den nächsten Monaten von einer Verschlechterung aus. Im Gastgewerbe planen 57 Prozent der Unternehmen Investitionen. Im Personalbereich zeichnet sich ein weiterer Beschäftigungsrückgang ab.

Der Dienstleistungsbereich zeigt ein differenziertes Bild. In den eingangs genannten Wirtschaftszweigen Grundstücks- und Wohnungswesen, Verwaltung und Führung von Unternehmen und Betrieben einschließlich Unternehmensberatung sowie Architektur- und Ingenieurbüros überwiegen die positiven Lage- und Erwartungseinschätzungen. Für die Branche als Ganzes ergibt sich ein Konjunkturklimaindikator von 96,7 Punkten, neun Punkte mehr als im Frühsommer 2026 und einen Punkt weniger als vor einem Jahr. In den kommenden Monaten planen 65 Prozent der Unternehmen Investitionen, ein eher unterdurchschnittlicher Wert für die Branche. Im Personalbereich gehen per Saldo zwölf Prozent der Betriebe von rückläufigen Mitarbeiterzahlen aus. Dabei dürften sich auch demografische Veränderungen auswirken.

 

Zur Information:

Der Konjunkturbericht basiert auf den Ergebnissen der Konjunkturumfragen der drei Thüringer Industrie- und Handelskammern, die zwischen dem 7. September und 4. Oktober 2026 durchgeführt wurden. An diesen Umfragen beteiligten sich 740 Thüringer Unternehmen. Den Bericht finden Sie auch unter suhl.ihk.de/konjunktur.

 

Suhl, 05.11.2026

Dominik Konrad
Dominik Konrad
Referent Öffentlichkeitsarbeit | Mitgliederkommunikation

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