Corona – Was die Wirtschaft jetzt braucht

Die Corona-Krise wächst sich gerade zur schwersten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus. Der überwiegende Teil der Thüringer Betriebe der Gastronomie, des Handels und der Dienstleistungen wurden seitens der Behörden geschlossen, andere müssen wegen unzureichenden Umsätzen dichtmachen. In der Industrie sind Lieferketten weggebrochen und Aufträge wurden in Größenordnungen storniert. Alle Automobilwerke in Europa haben ihre Produktion eingestellt. In der Folge sperren die strukturbestimmenden Automobilzulieferer in Thüringen ihre Türen ebenfalls zu. Die Politik in Land und Bund hat erkannt, dass ein Massensterben von Unternehmen in erster Linie nur mit wirksamen Liquiditätsspritzen verhindert werden kann und tut einiges. Eine Verlängerung des Shutdowns deutlich über den 20. April 2020 hinaus wird Thüringen allerdings in eine Parallelkrise führen, die alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche überlasten wird.

Um die über Nacht eingetretenen Liquiditätsengpässe in den kleineren Thüringer Unternehmen kurzzeitig zu überbrücken, leistet das Thüringer Sofortprogramm, das über einen schlanken Antrag Bundes- und Landeszuschüsse nach dem Bestprinzip auszahlt, einen wichtigen Beitrag. Auch das Null-Zins-Kreditprogramm Corona-Spezial der Thüringer Aufbaubank (TAB) ist mehr als ein Schritt in die richtige Richtung. In zweiter Instanz geht es in den Unternehmen darum, Kostenblöcke nennenswert zu reduzieren. Es ist gut und sehr wichtig, dass Unternehmen von den Sozialbeiträgen für die inzwischen allseits notwendige Kurzarbeit der Belegschaften befreit wurden. Steuerstundungen und der Aufschub von Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Hausbanken tun nach Anlaufschwierigkeiten ihr Übriges.

Der Instrumentenbaukasten ist zwar noch nicht vollständig, reichert sich in Thüringen erfreulicherweise jedoch nahezu täglich an. Die Übernahme von großen Teilen der Ausbildungsvergütungen im Falle von angeordneten Betriebsschließungen, intelligente Zuschussprogramme für Unternehmen über 50 Mitarbeiter und ein notwendiger zweiter Liquiditätszuschuss für den Fall, dass die Beschränkungen über den 19. April 2020 hinaus andauern sollten, gehören sofort auf die Gesprächsagenda. „Außerdem sollte man sich schon jetzt an den Gedanken gewöhnen, dass die für 2021 geplante CO2-Besteuerung unbedingt verschoben werden muss. Derartige Zusatzlasten verträgt die angeschlagene Wirtschaft keinesfalls, zumal die zuletzt gesunkenen CO2-Emissionen das Projekt ohnehin fragwürdig erscheinen lassen“, erklärt Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südthüringen (IHK).

Von größter Bedeutung dürfte indes sein, dass Politik, Behörden und Institutionen die desaströse wirtschaftliche Situation der Unternehmen verstehen und als gemeinsam zu schulterndes Problem betrachten. Praktisch heißt das, dass Förderinstitutionen Antragsverfahren verschlanken und Abläufe straffen müssen, um Geld so schnell wie möglich in die Unternehmen zu bringen. Das bedeutet, dass Kontrollbehörden den sorgengeplagten Unternehmern mit Empathie und Verständnis statt mit Härte und Bußgeldbescheiden gegenübertreten und Finanzämter ihre dominante Position aufgeben. Letztlich heißt das auch, dass die Politik rasche pragmatische Entscheidungen treffen muss, um einen zusätzlichen wirtschaftlichen Supergau zu verhindern.

Damit es nicht zu einem gesellschaftlichen Kollaps kommt, der unvermeidlich eintreten wird, falls die Unternehmensbasis und das Finanzsystem den Offenbarungseid leisten müssen, gilt es, die wirtschaftlichen und soziologischen Folgen der Corona-Krise unverzüglich mit den akuten medizinischen Auswirkungen in einen permanenten Abwägungsprozess zu bringen. „Sollten wirtschaftliche, soziologische und psychologische Schadensabschätzungen überwiegen, muss sofort ein Ausstiegsszenario gestartet werden, um eine Parallelkrise zu vermeiden. Die Politik darf sich nicht nur von Virologen beraten lassen. Auch Wirtschaftsexperten, Soziologen und Psychologen sind anzuhören und in den Abwägungsprozess einzubinden, sonst geraten Deutschland und Europa durch Unternehmenssterben und Massenarbeitslosigkeit in eine Parallelkrise mit nicht zu bändigender Sprengkraft“, so Dr. Pieterwas.

Suhl, 03.04.2020

Dr. Ralf Pieterwas
Dr. Ralf Pieterwas
Hauptgeschäftsführer

Telefon +49 3681 362-301

 E-Mail pieterwas@suhl.ihk.de