Nach Südthüringen kommen?

Ergebnisse der Arbeitsmarktumfrage 2022 der IHK Südthüringen

Eine Südthüringer Gemeinde fordert am Bahnhof Reisende mit einem Plakat zum Hierbleiben auf. Das ist eine von vielfältigen Ideen zum Standortmarketing. Jedes zweite Unternehmen zeigt sich in einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen jedoch skeptisch, ob die Region wirklich attraktiv genug für Beschäftigte ist. Jeder zehnte Arbeitsplatz in Südthüringer Unternehmen ist frei, zum Teil schon seit etlichen Monaten. Inzwischen nehmen die freien Stellen auch in Kleinstbetrieben zu, die bisher über Mundpropaganda neue Mitarbeiter gewinnen konnten.

Bereits seit einem Jahrzehnt ist die Zahl der Beschäftigten an Südthüringer Standorten weitgehend unverändert. Das Jobwunder auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit einem Stellenzuwachs um 19 Prozent seit 2011 ging an der Region komplett vorbei. Immerhin gelang es, trotz Alterung und Bevölkerungsrückgang die Mitarbeiterzahlen stabil zu halten. Mit dem Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge wachsen jedoch die Herausforderungen für die Betriebe.

Trotz trüber Wirtschaftsaussichten melden 48 Prozent der Unternehmen freie Stellen, insbesondere im Verkehrsgewerbe, im Gastgewerbe, in der Industrie und im Baugewerbe. Im Durchschnitt verfügt ein Unternehmen mit Vakanzen über 3,5 freie Stellen. In Kleinstbetrieben mit bis zu neun Mitarbeitern sind es durchschnittlich 2 freie Stellen, in Betrieben mit 10 bis 49 Beschäftigten durchschnittlich 2,5 freie Stellen und in Betrieben mit 50 und mehr Beschäftigten durchschnittlich 6 freie Stellen.

Im Vergleich zum Vorjahr haben vor allem die freien Stellen in den Kleinstbetrieben stark zugenommen. Die Kleinstbetriebe verfügten nach einer Hochrechnung der IHK Südthüringen in 2021 über 3.100 unbesetzte Stellen, inzwischen ist deren Zahl auf 5.700 gestiegen. Insgesamt sind ca. 17.000 Stellen in Südthüringer Unternehmen unbesetzt, von denen 4.300 der Agentur für Arbeit gemeldet wurden. Unternehmen verzichten auf die Einschaltung der Arbeitsagentur, wenn sie andere Wege der Personalgewinnung bevorzugen.

„Moderne Personalpolitik folgt dem Dreiklang aus Finden, Binden und Qualifizieren von Mitarbeitern. Je nach Größe und Finanzkraft der Unternehmen fällt dies unterschiedlich leicht. Die steigende Zahl unbesetzter Stellen in Kleinstbetrieben zeigt, dass diese Unternehmen zunehmend im Wettbewerb um geeignetes Personal ins Hintertreffen geraten oder die Weiterbildungsangebote, Lohnbestandteile und Sozialleistungen nicht ausreichen. Erschwerend kommt hinzu, dass weder die kleinen noch die mittleren Unternehmen überregional bekannt sind. Kammern, ThAFF und Regionalmanagement müssen daher die Chancen auf dem regionalen Arbeitsmarkt noch transparenter und erlebbarer machen“, erklärt Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen.

Die Unternehmen suchen vor allem Auszubildende und Mitarbeiter mit einer dualen Berufsausbildung. Insbesondere im Baugewerbe und der Industrie werden auch Personen gesucht, die über einen Abschluss der höheren Berufsbildung wie Fachwirt oder Meister verfügen. Die Dienstleistungswirtschaft stellt vor allem Akademiker ein. Personen ohne Berufsausbildung haben am ehesten Chancen im Gastgewerbe. Auch jeder dritte Industriebetrieb mit unbesetzten Jobs sucht im Helfersegment.

Allerdings müssen die einmal gefundenen Mitarbeiter auch bleiben. Jedes zweite Unternehmen fordert, dass Südthüringen für Beschäftigte attraktiver gemacht werden muss. Vor allem das Baugewerbe, die Industrie und der Handel sehen hierin Defizite. Um den Unternehmen im Rahmen der Fachkräftesicherung zu helfen, sollten außerdem die Bürokratie abgebaut und die berufliche Bildung gestärkt werden. Insbesondere das Gast- und Verkehrsgewerbe sprechen sich außerdem dafür aus, die Einstellung ausländischer Fach- und Arbeitskräfte zu erleichtern.

Eines steht fest: In den kommenden Jahren wird es nicht besser. 61 Prozent der Unternehmen rechnen auch weiterhin mit Schwierigkeiten, Fachkräfte zu bekommen. Lediglich ein Zehntel der Unternehmen erwartet in den kommenden zwei Jahren keine Personalprobleme.

Hinweis: Basis der Angaben ist eine repräsentative Unternehmensbefragung der IHK Südthüringen, die vom 12. September bis 6. Oktober 2022 durchgeführt wurde.

Suhl, 16. November 2022

Dr. Jan Pieter Schulz
Dr. Jan Pieter, Schulz
Referent Volkswirtschaft

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